Helmholtz Research Academy Hesse for FAIR

Interview mit Prof. Dr. Holger Podlech

Herr Professor Podlech, sie sind einer der Initiatoren des trilaterale Masterstudiengang „Particle Accelerator Science“, Warum ist das ein so wichtiger Schritt?

Wir sehen weltweit eine wachsende Zahl großer Beschleunigerprojekte und gleichzeitig einen deutlichen Mangel an Fachkräften, die in der Beschleunigerwissenschaft wirklich breit ausgebildet sind. Genau hier setzt der neue Studiengang an. Er schafft eine strukturierte, universitätsübergreifende Ausbildung, die nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern auch eng mit den Anforderungen realer Forschungsinfrastrukturen verbunden ist. Besonders wichtig ist dabei die Kooperation mit Laboren wie GSI, weil sie den Studierenden früh einen direkten Bezug zu den praktischen Anwendungen und Entwicklungen in diesem Feld ermöglicht.

Was macht die Rhein-Main-Region und auch Hessen für dieses Fachgebiet besonders geeignet?

Die Region ist in dieser Form außergewöhnlich. Im RMU-Verbund bringen die drei beteiligten Universitäten nicht nur Lehrangebote zur Beschleunigerwissenschaft ein, sondern betreiben auch jeweils eigene Beschleunigeranlagen – etwa S-DALINAC, MAMI, MESA und FRANZ. Dadurch entsteht eine Breite an Expertise, die weltweit nur sehr selten zu finden ist. Sie reicht von Elektronen über Protonen bis hin zu Schwerionen und verbindet Theorie und Experiment auf engem Raum. Gerade diese regionale Dichte macht Hessen und die Rhein-Main-Region zu einem besonders starken Standort. Dazu kommt natürlich noch die Großforschungsanlage GSI.

Der Studiengang wird von drei Universitäten gemeinsam getragen. Was ist der Mehrwert dieser trilateralen Struktur?

Der große Mehrwert liegt darin, dass keine einzelne Universität allein die gesamte Bandbreite der Beschleunigerwissenschaft in vergleichbarer Tiefe abdecken könnte. Erst durch die Zusammenarbeit von TU Darmstadt, Goethe-Universität Frankfurt und Johannes Gutenberg-Universität Mainz entsteht ein Curriculum, das die unterschiedlichen Stärken der Standorte zusammenführt. So profitieren die Studierenden von einer Ausbildung, die Grundlagen, Spezialisierung und Praxisnähe miteinander verbindet.

Was erwartet die Studierenden inhaltlich?

Es handelt sich um einen reinen Masterstudiengang, der bewusst breit angelegt ist. Schon die Bezeichnung „Accelerator Science“ statt nur „Accelerator Physics“ zeigt, dass es nicht allein um Physik im engeren Sinn geht. Das Studium umfasst Pflicht- und Wahlpflichtbereiche, darunter Grundvorlesungen zu Systemen und Anwendungen sowie Theorieveranstaltungen etwa zu Feldern und Strahldynamik. Hinzu kommen Inhalte aus der Physik in Frankfurt, Mainz und Darmstadt sowie Anteile aus Elektrotechnik, Materialwissenschaften und auch Projektmanagement. Ziel ist es, die Studierenden sowohl wissenschaftlich als auch technisch und organisatorisch auf spätere Aufgaben vorzubereiten.

Warum ist gerade diese Interdisziplinarität so entscheidend?

Weil Beschleuniger hochkomplexe Systeme sind, die weit über reine Physik hinausgehen. Wer in diesem Bereich arbeitet, muss nicht nur die physikalischen Grundlagen verstehen, sondern auch wissen, wie elektrische Systeme, Materialien, Hochfrequenztechnik und Präzisionstechnologien ineinandergreifen. Moderne Beschleuniger entstehen gerade aus diesem Zusammenspiel. Deshalb ist eine interdisziplinäre Ausbildung keine Ergänzung, sondern eine Voraussetzung.

Welche Rolle spielt FAIR beziehungsweise GSI für den Studiengang?

Eine zentrale Rolle. Beschleuniger werden nicht im luftleeren Raum gebaut, sondern immer mit Blick auf konkrete wissenschaftliche und technologische Anwendungen. FAIR bietet in dieser Hinsicht eine enorme Breite, von CBM über APPA und NUSTAR bis hin zur Hadronenphysik. Für die Studierenden bedeutet das, dass sie nicht nur die Technologie selbst kennenlernen, sondern auch die wissenschaftlichen Fragestellungen und Anwendungen, für die solche Anlagen entwickelt werden. Das macht die Ausbildung besonders praxisnah und attraktiv.

Wo sehen Sie die wichtigsten Anwendungsfelder der Beschleunigerwissenschaft?

Viele denken zunächst an Grundlagenforschung, und natürlich ist sie ein zentrales Feld. Aber die Beschleunigerwissenschaft reicht weit darüber hinaus. Anwendungen gibt es in der Medizin, etwa in der Tumortherapie, in der Materialforschung, in der Biophysik und bei modernen Strahlungsquellen. Auch in Energiefragen oder sicherheitsrelevanten Bereichen spielen Beschleunigertechnologien eine wichtige Rolle. Gerade diese Vielfalt zeigt, wie zukunftsrelevant das Fachgebiet ist.

Was bedeutet der Studiengang speziell für die HFHF?

Für die HFHF ist der Studiengang ein wichtiger Baustein. Die HFHF versteht sich als ThinkTank für die Forschung an GSI und FAIR und als Dach für neue Ideen, die FAIR wissenschaftlich und technologisch voranbringen. Gleichzeitig stärkt der Studiengang die Verbindung der Universitäten untereinander und ihre Zusammenarbeit mit GSI und FAIR. Vor allem aber ist er entscheidend für den wissenschaftlichen Nachwuchs: Die HFHF braucht hervorragend ausgebildete junge Menschen, die zukünftige Entwicklungen mitgestalten können.

Was würden Sie Studierenden sagen, die überlegen, sich für „Particle Accelerator Science“ zu bewerben?

Erstmal: Bewerbt euch! Der Studiengang richtet sich an Menschen, die sich für ein breites, forschungsnahes und zugleich technologisch anspruchsvolles Feld begeistern. Die Resonanz zeigt bereits, wie groß das Interesse ist: Für den ersten Durchgang gab es über 100 Bewerbungen, wir konnten aus einem sehr gutem Bewerberfeld auswählen. Das zeigt einerseits die Attraktivität des Programms, andererseits aber auch seinen hohen Anspruch. Wer sich für spannende Wissenschaft, interdisziplinäre Arbeit und die Nähe zu Großforschungsanlagen interessiert, findet hier hervorragende Bedingungen. Wir freuen uns auf die neuen Studierenden!